Geschichte des Verlag Neue Kritik

1985: 20 Jahre Verlag Neue Kritik

Von 1945-1961 hatte die Sozialdemokratische Partei eine Hochschulorganisation mit dem Namen „SDS“ – Sozialistische Deutscher Studentenbund. Nach der Verabschiedung des „Godesberger Programms“ (1959) verschärften sich die Konflikte um die sozialistischen Perspektiven innerhalb einer sozialdemokratischen Partei und führten schließlich 1961 zur Trennung der SPD von ihrem Studentenverband SDS. Zuvor, 1959, waren bereits die Zuschüsse der Partei für die Zeitschrift des SDS „Standpunkt“ gestrichen worden. Der SDS-Bundesvorstand beschloss daher im März 1960 eine neue Zeitschrift zu gründen, die sich selbst finanzieren sollte (Verkauf in den SDS-Mitgliederversammlungen), die „neue kritik“). Vor dem Verlag Neue Kritik gab es also die Zeitschrift »neue kritik« (nk).

Der nachfolgende Text erschien in der Nr. 220 des MetropolenMagazin Pflasterstrand (Buchmessenausgabe – 5.-18.10.1985 -). Er wurde an einigen Stellen leicht redigiert, um das Verständnis des Textes zu erleichtern.

 

Die Zeitschrift „neue kritik“

Im ersten Heft der »nk« stellte Oskar Negt in seinem Artikel »Die Zerstörung der Deutschen Universität« eine direkte Verbindung her zwischen der Renaissance der Burschenschaften und den Hakenkreuzschmierereien vom Dezember 1959 und Januar 1960. Im zweiten Heft der »nk«  wird u. a. das Verhältnis Dritte Welt-Metropolen analysiert und diskutiert und ab dem 3. Heft wird dann die theoretische Diskussion um und mit den Klassikern der marxistischen Tradition und der Frankfurter Schule begonnen. Diese 3 Schwerpunkte (Hochschule, 3. Welt und Theorie) bleiben bis zum Ende der »nk“ 1970 deren Schwerpunkte.

 

Bis zu den Anfängen der Studentenbewegung im Jahre 1965 wird außer der »nk« vom Bundesvorstand des SDS (BV) nur noch die »Hochschuldenkschrift des SDS« 1961 herausgegeben. 1965 erschien dann das erste Buch! Rosa Luxemburg, Die Akkumulation des Kapitals, in einer Auflage von 300 Exemplaren, die zusammen mit der Zeitschrift an die jeweiligen Universitätsgruppen vertrieben wurden. In den Diskussionen des SDS, die seminarartig organisiert waren, gab es eine gewisse Unzufriedenheit darüber, daß von der Lektüre und Diskussion der marxistischen Klassiker ziemlich unvermittelt in die Diskussionen der »Frankfurter Schule« gesprungen wurde. Die Auseinandersetzung mit Rosa Luxemburg sollte sowohl ein historisches als auch ein inhaltliches Bindeglied zwischen diesen beiden Diskussionsschwerpunkten herstellen. Beteiligte berichten, dieses Vorhaben sei einigermaßen geglückt, weil, wie sie im Gegensatz zu den Seminaren über die »Kritische Theorie« die Rosa wenigstens verstanden hätten.

Die erste Auflage der »Akkumulation … « wurde, weil der BV über keine geeignete Druckmaschine verfügte, von einem Genossen auf einer Druckmaschine einer protestantischen Sekte hergestellt, und zwar in seiner Arbeitszeit und auf deren Papier. Es war gewissermaßen die erste Sozialisierung der sich gerade anbahnenden Studentenbewegung.

 

Der Verlag Neue Kritik

Der Titel wurde von Eberhard Fiebig gestaltet.

Der schnelle Umschlag der ersten Auflage und der Lesehunger der Genossinnen und Genossen – 1965 gab es so gut wie keine verfügbaren Texte aus der Geschichte der Arbeiterbewegung, auch die meisten Texte der kritischen Theorie und der kritischen Psychoanalyse/Pädagogik waren nicht auf dem Markt – veranlaßten den Bundesvorstand des SDS, einen eigenen Verlag zu gründen, dem sie den Namen Verlag Neue Kritik gaben. Zum einen, weil die gleichnamige Zeitschrift in Genossenkreisen bereits eingeführt war, zum anderen, weil dieser Name selber schon ein Programm verkörperte. Da der Genosse, der die erste Auflage der Rosa gedruckt hatte, nicht mehr bei der amerikanischen Sekte arbeitete, entschloß sich der Bundesvorstand des SDS, eine DIN A4 Druckmaschine anzuschaffen, eine RKL, um Flugblätter aber auch Bücher drucken zu können. Die Maschine kostete 6.000 DM. Diese verschwenderische Anschaffung wurde heftig kritisiert. Das zweite Buch der »Neuen Kritik« Leo Trotzki, Die permanente Revolution, ist veröffentlicht worden, um die Diskussion, die von den Kommunisten totgeschwiegen wurde, zugänglich zu machen und um die Entwicklung des Kommunismus nach der Oktoberrevolution besser verstehen zu können.

Nicht nur Reprints sozialistischer Klassiker, sondern auch Bücher zu aktuellen Diskussionen sollten produziert werden. 1966 fand ein vom damaligen Bundesvorsitzenden des SDS, Helmut Schauer organisiertes Treffen sämtlicher Sekten und Grüppchen statt, die es damals links von der SPD gab. Das Zustandekommen des Treffens war ein Ereignis, weil es so etwas seit ewigen Zeiten in der BRD nicht mehr gegeben hatte. Inhaltlich war es ein Flop und so wurde auch das Buch, das der Verlag über dieses Treffen veröffentlichte. Es ist so gut wie überhaupt nicht verkauft worden. Die politischen Diskussionen im Frankfurter SDS, als Kapitalismuskritik (z. B. Eigentumsfrage) und Sozialismuskritik (z. B. Räteproblematik) fanden, das ist das besondere am Verlag Neue Kritik, ihren Niederschlag in einem Modell, das die Eigentümerfrage gleich in dreifacher Weise lösen sollte.

 

Das Verlagsmodell

  1. Der Verlag ist nicht im Besitz einer einzelnen Person, d. h. niemand kann im Konfliktfall auftreten und sagen, ich bin der Besitzer, ichentscheide z.B. wer entlassen wird, welches Buch gemacht wird.
  2. Die Leute, die im Verlag arbeiten, bestimmen selbst über Arbeitsform und -inhalt. Keiner darf Kapitalanteile halten.
  3. Niemand soll persönlich haften. Da aber nicht genügend Kapital vorhanden war, um eine GmbH zu gründen, wurde nur eine Kommanditgesellschaft gegründet, mit Schauer als Komplementär. Um zu verhindern, daß sich über die Kommanditisten irgend eine Fraktion (man weiß ja nie, wie sich die Einzelpersonen politisch entwickeln werden) den Verlag unter den Nagel reißt, wurde vertraglich festgelegt, daß die Kommanditisten einen Mehrheitsbeschluß zustande bringen müssen. Wenn diese sich dann widersprechen, entscheidet der SDS-Treuhänder.

Das NK-Modell, das den Eigentümer entmachtet, keiner politischen Fraktion einen Eingriff von außen ermöglicht (was möglicherweise viele der später mit dem KBW liiertenProjekte sowohl vor der politischen Bevormundung als auch ihrer späteren Liquidation bewahrt hätte), die persönliche Haftung ausschließt und bei Kollektivkrächen verhindert, daß Leute, die rausgehen, ihren Anteil mitnehmen und somit das Projekt möglicherweise ruinieren; ist zu einem Musterbeispiel für die meisten Projekte des linken Buchhandels und später auch der Alternativbetriebe geworden. In den Fällen, in den z.B. eine Person Eigentümer blieb, waren dann auch die Konflikte vorprogrammiert: Das bekannteste Beispiel ist der Wagenbach-Konflikt.

Inzwischen, wir schreiben das Jahr 1969, ist die Studentenbewegung zu einer Massenbewegung geworden, die den SDS hat bundesweit bekannt werden lassen, ihn aber auch gleichzeitig so aufgebläht hat und mit spontanen, phantasievollen Aktionen konfrontiert hat, daß sich im Bundesvorstand eine gewisse Unsicherheit ob der einzuschlagenden Strategie ausgebreitet hatte. Das gleiche galt für den Verlag Neue Kritik. Die beiden damals dort arbeitenden Genossen, Hartmut Dabrowski und Helmut Richter, wußten nicht mehr, ob und wie sie den Verlag weiterführen sollten. Ihre politische Sozialisation im SDS hatte sie gelehrt, daß in einem solchen Falle eine öffentliche Diskussion stattzufinden hat. Glücklicherweise hat in dieser Diskussion keiner der Anwesenden die Meinung geäußert, den Verlag zu schließen, stattdessen gab es die Aufforderung weiterzumachen, die üblichen Ratschläge und die Aufforderung an die Genossen im Verlag Diskussionen zu Schwerpunkten zu organisieren, an denen man sich beteiligen wollte, dar­ aus, so die Meinung der Anwesenden, würden dann quasi von selbst Bücher entstehen.

[Wird fortgesetzt ….]
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