“Ich war sehr erleichtert, als ich ein Zimmer in der Adalbertstraße fand, nahe der Universität, das nur ein paar Mark im Monat kostete. Es lag in einem massigen alten Gebäude aus brökelndem Backstein, einer alten Fabrik, die, wie ich mir vorstelle, der Eigentümer vermietete, um sich die Bezahlung einer Wache zu sparen.
Die drei Stockwerke der einen Seite waren von einem Bildhauer belegt, der riesige abstrakte Metallgebilde schuf, die er im Hof aufstellte. Die Seite, in die ich einzog, war von einer Gruppe Studenten übernommen worden, die alle so arm waren wie ich. Die ganze Seite kostete uns 75,- DM im Monat und konnte in “den kleinen Räumen, die zur Zeit, als die Fabrik noch lief, als Büros gedient hatten, bequem bis zu fünf Personen beherbergen.
Es war ein verwahrlostes altes ausrangiertes Gebäude mit schmutzigen Zementfußböden, keiner Dusche, nicht einmal heißem Wasser – und ohne Zentralheizung, nur dickbäuchige Kohleöfen gab es. Da ich aber monatlich nur fünf Dollar Miete bezahlte, und in den Wintermonaten ein paar Dollar zusätzlich für Kohle, konnte ich mir leisten, ein bißchen besser zu essen – konnte mir sogar an zwei Tagen der Woche Fleisch leisten – und war imstande, mehr Bücher und hin und wieder auch eine Bluse zu kaufen. Da in ganz Europa die Studenten kulturelle Darbietungen zu sehr ermäßigten Preisen besuchen können, konnte ich für etwa fünfzig Cents einen Film sehen oder ins Theater, in die Oper, zum Ballett oder ins Museum gehen.”

aus: Angela Davis “Mein Herz wollte Freiheit. Eine Autobiographie” Hanser Verlag 1975.

Angela Davis studierte von 1965 bis 1967 in Frankfurt am Main. Sie wohnte zunächst in der Nähe des Zoos in Frankfurt und zog dann in “die Fabrik”, in die Adalbertstraße 10. Dort wurden leere Büroräume, z. T. ohne Heizung, vermietet. Neben Angela Davis wohnten in „der Fabrik” zeitweise der spätere Filmemacher David Wittenberg und auch Thomas Mitscherlich, der die Räume auch angemietet haben soll. Im Jahr 1965 wohnte dort auch für kurze Zeit Hans-Jürgen Krahl. Die Fabrik, das war dort keine Wohngemeinschaft, sondern leerstehende Büroräume, die als Wohnungen genutzt wurden.
Der im Text von Angela Davis genannte Bildhauer war Eberhard Fiebig. Einige seiner Arbeiten sind in Frankfurt zu sehen: Auf dem Gelände des HR, vor dem Parkhaus Hauptwache. Nicht zuletzt stammt der Torbogen am Eingang des Mousonturm von ihm und der Entwurf des Frankfurter Benno-Ohnesorg-Denkmals.